Kapitel 7

»Ich kann euch helfen«, sagte ich also in die Dunkelheit hinein. »Ihr müsst mir im Gegenzug aber versprechen, so zu tun, als wäre ich nie hier gewesen.«
»Verarschen können wir uns alleine«, sagte ein Mann.
Ich schaltete das Licht ein.
Die fünf Käfiginsassen sahen mich mit offenen Mündern an. »Wie bist du da rausgekommen?«, fragte die Frau, die mich vorhin getröstet hatte, und blickte auf das intakte Schloss, das vor dem Käfig hing, in den ich eben noch eingesperrt gewesen war. Sie hatte dunkles Haar und wäre sicher sehr schön, wenn sie nicht so geschwächt aussehen würde. Tiefe Schatten lagen unter ihren Augen, die Wangen waren eingefallen und sie war furchtbar blass.
»Das kann ich dir leider nicht sagen. Bitte vertrau mir einfach und verrate mich nicht.«
An der Wand standen einige Kisten aufgestapelt, davor lag mein Telefon auf dem Boden. Hoffentlich war es nicht kaputt gegangen. Ich hob es auf und drückte auf den Power-Knopf. Erleichterung durchflutete mich, als das Display hell wurde. Ich ging in die Einstellungen, unterdrückte die Rufnummer und wählte den Notruf. Nachdem sich eine Frau gemeldet hatte, sagte ich: »Hallo, ich möchte Ihnen mitteilen, wo die verschwundenen Personen aus dem Salamour Hotel gefangen gehalten werden.«
»Nennen Sie mir bitte Ihren Namen!«, sagte die Beamtin.
Ich reagierte nicht auf ihre Rückfrage. »Bitte hören Sie gut zu. In der sechsten Etage des Hotels ist zwischen den Zimmern 620 und 630 eine Luke in der Decke des Flurs. Sie führt auf einen Dachboden. Eine ebensolche Luke ist am Ende des Gebäudes angebracht und führt in einen Raum hinunter, der sonst keinen Zugang hat. Dort hat der Hausmeister die Personen gefangen genommen. Haben Sie das verstanden?«
»Ja, Aber bitte geben Sie mir Ihren Namen!« Die Stimme der Telefonistin klang dringlich, fast ein wenig wütend, doch ich dachte nicht daran, meine Identität preiszugeben.
»Bitte befreien Sie diese Menschen. Und bringen Sie eine Leiter mit. Und etwas zu essen!« Ich beendete das Telefonat, schaltete das Handy aus und weil ich so etwas in Filmen gesehen hatte, nahm ich auch noch den Akku heraus. Ich würde mir ein neues Telefon zulegen müssen.
»Okay«, sagte ich zu den anderen, die mich noch immer anstarrten, als sei ich das Christkind. »Ich höre schon die Sirenen. Bitte, verratet mich nicht. Falls der irre Hausmeister von mir sprechen sollte, tut so, als hätte er mit der Luft geredet und einen leeren Käfig abgeschlossen. Ich muss das Licht jetzt wieder ausmachen.« Erst jetzt spürte ich, dass mir das Herz bis zum Hals schlug. Wenn die Polizei die Luke öffnete, musste ich verschwinden. Mit etwas Glück schaffte ich es noch bis zum Diner.
»Lieber Gott, ist das wirklich wahr?«, fragte eine der Frauen. Sie klang, als würde sie weinen. Die anderen begannen aufgeregt miteinander zu reden und diskutierten, ob wirklich jemand kommen würde. Doch schon fünf Minuten später hörte man, wie schwere Stiefel über den Dachboden trampelten. »Hier unten«, brüllte der Mann, der vorhin von der Göttin des Hungers erzählt hatte. Die anderen stimmten in sein Geschrei mit ein. Ich entstofflichte mich, doch ich hörte noch, wie die Frau sagte: »Danke, Lucy.«
Die Klappe wurde geöffnet und ein Lichtstrahl erhellte den Raum. Ein Polizist sprang herunter und leuchtete mit seiner Taschenlampe hin und her. »Gott im Himmel«, sagte er entsetzt, als er die Käfige erblickte. Dann brüllte er nach oben: »Sie sind hier. Wir brauchen einen Bolzenschneider.« Er fand den Lichtschalter und sagte zu der Frau, die vor Erleichterung weinte: »Sie sind jetzt in Sicherheit. Alles wird wieder gut.«
Das war das Stichwort für mich, zu verschwinden. Ich schwebte durch die Luke, fädelte mich an den anderen Polizisten vorbei, die auf dem Dachboden standen und machte mich auf den Weg zum Diner. Ich würde Max mein Geheimnis offenbaren müssen, denn ich brauchte Hilfe. Ich glaubte nicht, dass ich noch zu irgendetwas in der Lage sein würde, sobald ich mich verstofflicht hatte.
Im Diner war nicht mehr viel los, nur noch ein Tisch war besetzt, an welchem Chantal gerade stand. Max war zum Glück in der Küche, also nutzte ich die Gelegenheit. Ich verstofflichte mich vor Max, konnte noch sagen: »Kein Arzt. Du musst mir helfen. Tee!«, und wurde ohnmächtig.
Als ich mein Bewusstsein wieder erlangte, hielt Max mich im Arm. Wir saßen gemeinsam auf den Boden, er lehnte mit dem Rücken gegen den Küchenblock und flößte mir Tee ein.
»Du darfst mir doch nicht so einen Schrecken einjagen.« Seine Stimme klang sanft und liebevoll. »Und langsam musst du mir mal erklären, weshalb du aus dem Nichts auftauchen kannst.«
»Entschuldige bitte«, flüsterte ich. »Ich verspreche, ich erkläre es dir später.« Mir war schwindlig und ich fühlte mich, als wäre ich einen Marathon gelaufen. Ach was sage ich, es waren mindestens zwei Marathons. Ich öffnete den Mund und Max flößte mir noch etwas Tee ein. Das half. »Du hast nicht zufällig noch so ein tolles Sandwich?«, fragte ich. Natürlich müsste er mich dafür aus der Umarmung entlassen, was ich sehr bedauerte, aber der Hunger war stärker.
»Kommt sofort.« Max rutschte vorsichtig zur Seite und half mir, mich gegen die Kücheninsel zu lehnen.
Chantal schneite herein. »Die letzten Gäste sind gerade gegangen. Die Abrechnung hab ich auch schon fertig. Soll ich dir noch bei irgendwas helfen?«, zwitscherte sie. Sie konnte mich nicht sehen, da der Küchenblock zwischen uns stand.
»Nein, danke. Ich lass dich raus«, sagte Max. Ich hörte, wie die beiden zur Tür gingen und das Geräusch des Schlüssels. Er kam zurück zu mir in die Küche, stellte einen Teller mit einem Sandwich neben mich und setzte sich im Schneidersitz gegenüber. »Na dann, erzähl mal. Jetzt sind wir allein.«
Ich nickte und nahm einen großen Bissen von dem Sandwich. Während ich kaute, überlegte ich, wie ich anfangen sollte. »Ich bin eine Hochgeborene«, sagte ich schließlich. »Das bedeutet, ich kann ein paar Dinge, die ein normaler Mensch nicht kann.« Misstrauisch beobachtete ich seine Reaktion, doch er zog nur kurz die Augenbrauen nach oben und behielt ansonsten eine neutrale Miene bei.
Ich nahm noch einen Happen von dem belegten Brot und fuhr fort: »Ich heile schneller, wenn ich krank bin und ich kann mit dem Wind reisen, indem ich mich entstoffliche.« Ich wedelte mit der Hand in seine Richtung. »So kann ich aus dem Nichts auftauchen, sozusagen. Allerdings ist es sehr anstrengend, aber Tee und Essen helfen.«
»Und warum machst du es dann, wenn es so anstrengend ist? Ich hab eben für einen Moment geglaubt, du wärst tot.«
Ich seufzte. Aber nun konnte ich ihm auch den Rest erzählen. »Du hast bestimmt von den verschwundenen Menschen im Salamour gehört. Ich habe sie gerade befreit.«
Max lachte ungläubig und schüttelte den Kopf. »Veräppelst du mich gerade, Lucy?«
Ich konnte nicht sofort antworten, denn ich hatte mir das restliche Sandwich in den Mund gestopft. Also kaute und schluckte ich, bevor ich antwortete: »Mach doch mal den Fernseher an. Sie berichten bestimmt schon darüber.«
In der Küche hing ein kleiner Fernseher an der Decke. Ich hatte noch nie gesehen, dass er eingeschaltet war, aber er funktionierte bestimmt. Max erhob sich und nahm eine Fernbedienung vom Kühlschrank. Er zappte durch die Programme, bis er auf eine Reporterin stieß, die vor dem Hotel stand.
»Wir befinden uns vor dem Hotel Salamour, aus dem innerhalb der letzten Wochen fünf Gäste verschwunden sind. Einer zuverlässigen Quelle zufolge gab es einen anonymen Anruf bei der Polizei. Eine Frau hat den Standort der gesuchten Personen durchgegeben. Sie waren in einem nicht verzeichneten Raum im obersten Geschoss des Hotels gefangen. Die Opfer sind unverletzt, aber dehydriert und unterzuckert. Zu den näheren Umständen ist noch nichts bekannt.«
Gerade wurde eine Frau auf einer Trage aus dem Haus transportiert, die Reporterin hastete in deren Richtung. »Können Sie uns sagen, was vorgefallen ist?«
Die Frau sah in die Kamera. Es war die Frau, die mich getröstet hatte. Sie lächelte. Der Sanitäter versuchte, die Reporterin wegzuschieben, doch die Dunkelhaarige setzte sich auf ihrer Trage auf und schrie: »Der Hausmeister hat uns gefangen genommen. Und ein Engel hat uns gerettet. Danke, Lucy.«
»Scheiße«, sagte ich. »Wieso war ich so blöd und habe meinen Namen genannt?«
»Wow«, sagte Max. »Du hast nicht gelogen.«
Ich musste ihm noch eine Menge Fragen beantworten, bevor er mich überredete, heute nacht auf seiner Couch zu schlafen.
Todmüde fiel ich kurze Zeit später auf das Sofa. Max deckte mich zu, beugte sich über mich und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Eigentlich wollte ich lieber einen richtigen Kuss, doch ich traute mich nicht. Dann fiel mir ein, dass ich Londons geheime Superheldin war, da konnte ich doch vor so etwas nicht kneifen. Beherzt griff ich nach seinem T-Shirt und zog ihn herunter. Als seine Lippen die meinen trafen, wusste ich, dass alles gut werden würde.

(VORLÄUFIGES) ENDE

Wenn ihr mehr von Lucy lesen wollt, lasst mich das wissen. Vielleicht bekommt sie dann einen ganzen Roman. 🙂 Ihr erreicht mich über meine Homepage anjaurban.de oder auf Facebook.

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