Kapitel 6

Verdammt, tat das weh. Ich hatte es noch geschafft, meine Arme auszustrecken, so dass ich nicht mit meinen Kopf auf den Boden rummste. Meinem Schädel ging es also hervorragend, was man von meinen Händen leider nicht sagen konnte, die Handballen brannten wie Feuer, ich hatte mir bestimmt was verstaucht. Außerdem hatte ich beim Sturz das Handy fallen lassen.
»Was ist hier los?«, fragte eine herrische Stimme von oben.
Plötzlich ging das Licht an. Die Fernbedienung diente also nicht nur dazu, die Treppe herunterzulassen. Ich kniff geblendet die Augen zusammen. In der Luke war das Gesicht des Mannes aufgetaucht, er schien nicht erfreut über meine Anwesenheit. »Wer bist du?«
Einen Moment herrschte absolute Panik in meinem Kopf. Ich starrte den Mann einfach nur an, wie ein Kaninchen im Scheinwerferlicht. Er nutzte diese Zeit, um in den Raum zu springen. Er fiel nicht etwa kopfüber wie ich. Nein, er griff auf die Seiten der Öffnung, ließ sich lang baumeln und sprang dann hinunter. Es sah geschmeidig und kraftvoll aus, wie bei einem Panther.
Ehe ich reagieren konnte, packte er mich, schleifte mich zum anderen Ende des Raumes und warf mich in einen Käfig, den er sofort abschloss. Aus den Augenwinkeln konnte ich erkennen, dass es noch fünf andere Käfige gab, in denen Menschen sassen. Sie sahen verdreckt und krank aus. Es waren ausnahmslos junge Leute, zwei Männer und drei Frauen.
»Wie bist du hierhergekommen?«, feuerte er die nächste Frage auf mich ab und schlug dabei mit einem Schraubenschlüssel gegen die Gitterstäbe, so dass ich zurückzuckte.
Mir war keine Erklärung eingefallen, ich konnte schlecht zugeben, dass ich unsichtbar hineingeschwebt war. Beim Blick auf den Schraubenschlüssel produzierte mein Hirn dann aber doch eine Idee. »Ich bin die Tochter vom Hausmeister.« Das würde vielleicht erklären, weshalb ich den Raum gefunden hatte.
Der Fremde zog die Augenbrauen nach oben, dann fing er an zu lachen. »Ich würde wissen, wenn ich so eine missratene Tochter hätte.«
Er griff nach einer Art Stock, der an der Seite lag. Ein anderer Gefangener sog scharf die Luft ein. Der irre Entführer musterte mich, dann stieß er mit dem Stock nach mir. Ich rutschte an das hinterste Ende des Käfigs, doch ich konnte ihm nicht entkommen. Der Stock wurde gegen mein Bein gedrückt und der Hausmeister grinste diabolisch. Okay, der hatte wirklich einen an der Waffel. Warum sollte mir das Angst machen? Gerade wollte ich dem Mann einen Vogel zeigen, doch dann entdeckte ich den Knopf am anderen Ende. Das war kein einfacher Stock, sondern ein Viehtreiber.
»Ich sehe, du hast begriffen«, sagte der Irre und schaltete ihn ein. Der Schmerz, der durch mein Bein raste, war unvorstellbar. Ich stieß einen heiseren Schrei aus, während sich tausend Ameisen durch meinen Oberschenkel fraßen. Wie ein kleines Mädchen begann ich zu weinen.
»Rufst du jetzt nach deiner Mami?«, zog mich der Irre auf.
Sein Handy piepste. Er blickte darauf und runzelte die Stirn. »Wir sind hier noch nicht fertig«, sagte er, stand auf und ging zur Luke. Das surrende Geräusch erklang und die Leiter fuhr nach unten. Zehn Sekunden später erlosch das Licht und die Luke schloss sich.
»Er hat einen Arbeitsauftrag bekommen, ist also eine Weile weg. Geht es dir gut?«, fragte die zarte Frauenstimme.
»Nicht wirklich«, presste ich heraus.
»Es ist gleich vorbei«, tröstete mich die Frau. »Aber du hast ein paar Tage Muskelkater. Wie heißt du?«
»Lucy«, sagte ich, ohne über die Konsequenzen nachzudenken.
Der Schmerz in meinem Bein ließ tatsächlich nach. Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und überlegte fieberhaft, was ich tun sollte. Ich könnte mich entstofflichen und nachsehen, ob mein Handy den Sturz überlebt hatte. Ich war bereits ganz schön schwach, der Stromstoß hatte noch zusätzliche Energie gekostet, aber was blieb mir anderes übrig? »Gibt es hier etwas zu essen?«
Ein trauriges Lachen war die Antwort. »Wir bekommen nur ab und zu etwas Wasser«, sagte ein Mann.
»Warum hat er euch hier eingesperrt?«, fragte ich.
Jemand schnaubte. »Der ist komplett durchgeknallt. Er stolziert immer nackt vor uns herum und sagt, er wäre der schönste und stärkste Mann der Welt, sobald er uns seinem Gott geopfert hat.«
Ich erinnerte mich an die beeindruckenden Muskeln unter seinem Shirt. »Er machte keinen schwachen Eindruck auf mich.«
»Er hat einen Bauchansatz, den er nicht loswird«, flüsterte eine Frau. »Deshalb opfert er uns der Göttin des Hungers.«
»Ich wusste nicht einmal, dass es eine solche Göttin gibt«, sagte ich.
»In der griechischen Mythologie gibt es sie. Sie heißt Limos«, sagte eine schwache, männliche Stimme. »Und der Irre hat uns auf eine sehr effektive Diät gesetzt. Ich habe schon mindestens eine Kleidergröße verloren.« Er klang, als hätte er nicht nur eine Konfektionsgröße eingebüßt, sondern außerdem seinen gesamten Lebenswillen.
Mir schauderte. »Er will euch verhungern lassen?«
Die Antwort blieb aus. Kein Wunder, denn sie war ja offensichtlich. Ich musste etwas unternehmen, um diese armen Menschen zu retten.
Es war dunkel, also würde niemand sehen, wenn ich meine Substanz auflöste. Ich musste einfach hoffen, dass mein Telefon noch funktionierte. Alles war besser, als ängstlich in diesem Käfig hocken zu bleiben.
Also entstofflichte ich mich und begab mich zu dem Ort, an dem ich mein Handy vermutete. Es war in normalem Zustand schon schwierig in der Dunkelheit etwas zu erkennen, doch jetzt war es quasi unmöglich. Schweren Herzens verstofflichte ich mich. Vor Schwäche zitterten mir bereits die Knie, besonders das, was vom Viehtreiber malträtiert worden war. Wenigstens war der Schmerz inzwischen erträglich. Trotzdem war es höchste Zeit, dass ich etwas zu essen und einen Tee bekam. Die Dunkelheit um mich herum war undurchdringlich, ich musste Licht machen. Vorsichtig tastete ich mich an der Wand hoch, bis ich den Schalter fand. Wenn ich plötzlich außerhalb des Käfigs stand, würden unweigerlich Fragen auftauchen, aber ich war eine Hochgeborene und konnte diese Menschen nicht im Stich lassen, schließlich war es unsere Bestimmung, ihnen zu helfen. Ich musste einfach darauf vertrauen, dass sie mich nicht verraten würden.

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