Kapitel 5

Das Schloss hatte mir wenig entgegenzusetzen. Ich setzte die beiden Schraubenschlüssel an, wie ich es in dem Video gesehen hatte und drückte sie voneinander weg. Ohne bemerkenswerten Widerstand zu leisten, brach es auseinander. Vielleicht hatte ich ja doch ein wenig kriminelles Geschick.
Die Magnetkarte lag genau da, wo ich sie erwartet hatte und ich nahm sie erleichtert an mich.
Im Hotel war es still, von den wenigen Gästen war kein Mucks zu hören. Ich begab mich in die oberste Etage.
Auf Zehenspitzen schlich ich an die Tür des letzten Zimmers und lauschte. Es war nichts zu hören. Mit der Magnetkarte in der Hand zögerte ich. Was, wenn der unheimliche Mann darin war und mich überwältigte? Ich sprach mir mut zu, öffnete die Tür und schlüpfte ins Zimmer. Leise schloss ich die Tür wieder und entstofflichte mich vorsichtshalber.
Akribisch untersuchte ich den Raum, ganz besonders die Wände. Doch es war ein normales Hotelzimmer, nirgends war eine Tür zu sehen. Es gab auch keine Kerzenhalter oder Bücher, an denen ich ziehen könnte, so dass eine falsche Wand zur Seite glitt und einen Geheimgang öffnete, wie es in Filmen immer geschah. Ich drückte mein Ohr an die Wand und kam mir dabei ziemlich idiotisch vor.
Ein gedämpftes Geräusch erklang. War das ein Husten? Ehe ich es richtig einordnen konnte, war es wieder verklungen. Entschlossen presste ich mein Ohr noch dichter an die Wand, doch es blieb still.
Ich lief zum Fenster, öffnete es und lehnte mich etwas hinaus, um besser nach rechts schauen zu können. Das Gebäude endete nicht dort, wo die Wand des Hotelzimmers lag, sondern war gut vier Meter länger. An dieser Stelle konnte sich also tatsächlich noch ein Raum befinden. Doch wo war der Zugang?
Ich verließ das Hotelzimmer, untersuchte das Zimmer gegenüber und kam zum gleichen enttäuschenden Ergebnis. Keine Tür, kein Geräusch. Keine Käfige.
Ich machte mich hier absolut zum Affen und jagte etwas hinterher, das ich nur in einem Tagtraum im Pool gesehen hatte. War ich so verzweifelt auf der Suche nach Anerkennung, dass ich mich von meiner Fantasie übers Ohr hauen ließ? Das lag sicher an dem Londons-geheime-Superheldin-Quatsch, dem ich mich hingegeben hatte.
Ich war keine Heldin, ich hatte lediglich das Schloss der armen Putzfrau zerstört. Vandalin wäre also die passendere Bezeichnung für mich. Ich verließ das Hotelzimmer und schloss die Tür hinter mir.
Ein Rasseln erklang. Nicht neben, sondern über mir. Es klang wie das Knarren eines ungeölten Scharniers. Schnell entstofflichte ich mich und wartete, ob ich noch mehr hören würde.
Über mir ertönte ein Motorengeräusch und es öffnete sich eine Luke, die mir nicht aufgefallen war. Surrend wurde eine Leiter ausgefahren. Keine Minute später stieg ein Mann in den Vierzigern herunter. Er trug Jeans und ein enges T-Shirt, das beeindruckende Muskeln betonte. Er war mir völlig unbekannt. Mit einer Fernbedienung deutete der Mann auf die Luke, drückte auf einen Knopf und das summende Geräusch erklang erneut. Die Leiter wurde wieder eingezogen. Wenn ich dort oben hin wollte, musste ich mich sofort entscheiden, sonst wäre der Zugang verschlossen.
Was, wenn ich dann eingeschlossen wäre und keine Möglichkeit hätte, mich zu befreien? Dann wäre ich auf dem Dachboden gefangen und würde dort vielleicht elendig verhungern.
Gerade fuhr das letzte Teilstück der Leiter ein, gleich würde sich die Klappe schließen. Sicher würde ich oben einen anderen Ausweg finden, wenn mir dieser versperrt bliebe, es musste ja ein Notsystem geben, wenn jemand die Fernbedienung verlor. Ich gab mir einen Ruck und schwebte nach oben.
Die Klappe hinter mir schloss sich und nahm das letzte bisschen Licht mit. Jetzt war es stockdunkel. Schnell verstofflichte ich mich und kämpfte um etwas Orientierung. In geduckter Haltung sah ich mich um. Der Raum war sehr niedrig und die Luft roch staubig und abgestanden. Ich nestelte mein Handy aus der Hosentasche und richtete den schwachen Lichtschein des Displays auf den Boden, wo sich Einstieg und Leiter befanden. Ein klappbarer Griff war in die Luke eingelassen. Erleichtert zog ich sachte an ihm und das Licht des Flurs flutete hinein. Mein Rückweg war also gesichert, ich war nicht eingesperrt. Ich ließ die Luke behutsam wieder sinken und erkundete den Rest des Dachbodens. Dämmmaterial, Abdeckfolie und Holzleisten lagen herum, alles war von einer dicken, grauen Schicht bedeckt. Der Staub kitzelte mir zwar in der Nase, doch er zeigte mir auch, wo der Mann hergekommen war. Fußspuren führten in die linke Ecke des Raumes, dort musste es eine weitere Öffnung geben. Ohne zu Zögern begab ich mich dorthin. Die gleiche Art von Luke war auch hier in den Boden gelassen. Ich packte den Griff und zog vorsichtig. Dieses Mal drang kein Licht zu mir nach oben, ich blickte in tiefe Schwärze. Die Haare auf meinen Oberarmen stellten sich auf, ich konnte Dunkelheit nicht leiden. Man wusste nie, was in ihr lauerte. Und was auch immer in dieser Finsternis hockte, roch entsetzlich.
Ich zog den Kragen meines Shirts über die Nase, so dass ich den Duft meines Deodorants einatmete, und richtete den Lichtschein meines Handys in die Schwärze. Das sanfte Leuchten reichte nicht aus, um etwas zu sehen. Wenn ich wissen wollte, was sich im Raum unter mir befand, blieb mir nichts anderes übrig, als hinabzusteigen.
Unschlüssig starrte ich auf die Leiter, die an der Seite angebracht war. Ob man sie manuell entfalten konnte? Ich könnte hinunterschweben, doch ich wollte mich nicht schon wieder entstofflichen, ich hatte keinen Tee dabei und musste Energie sparen.
Ein Geräusch erklang, bei dem sich mein Magen verkrampfte. Es war ein Wimmern. Ein menschliches Wimmern. Es klang hoffnungslos und traurig.
»Hallo?«, flüsterte ich in die Dunkelheit hinein.
»Ruhe!«, sagte eine schwache Stimme. »Ihr wisst, was passiert, wenn er sauer wird.«
Meine Vision war also tatsächlich wahr. Ich hatte den Ort gefunden, an den die verschwunden Menschen gebracht worden sind. Ich musste sie befreien! Also ging ich vor der Luke auf die Knie und tastete am Rand entlang, auf der Suche nach der Leiter. Als ich sie endlich gefunden hatte, zog und rüttelte ich daran, doch sie bewegte sich kein Stück. Vermutlich gab es einen Sicherheitshebel oder so etwas. Ich legte mich also auf den Bauch, rutschte zur Luke und steckte Arm und Kopf nach unten. Jetzt konnte ich das Licht des Handys benutzen, um mir den Mechanismus anzusehen.
»Wer ist da?«, fragte eine zarte Frauenstimme.
»Ich versuche gerade, euch zu helfen«, ächzte ich. »Weiß jemand, wie man die Leiter löst?«
»Mit einer Fernbedienung«, sagte ein Mann. Ich verdrehte innerlich die Augen.
Endlich hatte ich den Haken entdeckt, der die Leiter daran hinderte, auszufahren. In diesem Moment erklang von oben ein surrendes Geräusch. Der Mann kam zurück! Ich zuckte zusammen, hob den Kopf und stieß mich an der Decke. Instinktiv griff ich mit der Hand an die Stelle, an der ich mich gestoßen hatte. Dummerweise war das die Hand, mit der ich mich festgehalten hatte. Ich verlor das Gleichgewicht und stürzte in die Dunkelheit.

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