Kapitel 4

Nach einer unluxuriösen und unruhigen Nacht stand ich pünktlich im Diner. Eine Kellnerin mit weissblonden Haaren, pinkfarbenem Lippenstift und künstlichen Fingernägeln begrüßte mich enthusiastisch.
»Hi, ich bin Chantal.« Ihre Stimme war zwei Oktaven höher als meine.
Mein Lächeln fiel sicher etwas künstlich aus, als ich ihre Hand schüttelte.
»Lucy.«
»Oh, wie Lucy Liu? Sie ist meine Lieblingsschauspielerin.«
Ich nickte. Chantal wirkte so begeistert, dass ich ihr lieber nicht sagte, dass ich gerade keine Ahnung hatte, wer das war.
Max kam durch die Schwingtüren hinter dem Tresen und erlöste mich.
»Schön, dass du gekommen bist, Lucy.« Seine Augen strahlten und ich musste zugeben, dass er wirklich ein hübscher Kerl war. »Komm, wir gehen schnell die Papiere fertig machen.«
Das kleine Büro war schmucklos eingerichtet – Schreibtisch und Stuhl vom Discounter, keine Bilder oder Pflanzen. Dafür jede Menge Ordner und Papierstapel. Wie konnte da jemand durchsehen?
Max sah mein Stirnrunzeln. »Ich muss mal wieder aufräumen. Aber keine Sorgen, ich habe den Durchblick.« Er setzte sich hinter den Schreibtisch und deutete auf den Stuhl gegenüber. Ich nahm Platz.
Er suchte in einem der Stapel und fischte ein Formular hervor.
»Vornamen und Nachname?« Max blickte mich abwartend an.
»Luciana Elizabeth Davenport«, sagte ich und wappnete mich gegen das, was nun kommen würde.
Max blickte mich mit großen Augen an. »Die Tochter von Tamara Davenport?«
Ich nickte. »Leider.«
Er blickte mich prüfend an und nickte. »Ok«, sagte er. »Geburtstag und -ort?«
Dafür, dass er nicht darauf herumritt, dass ich die Tochter einer der bekanntesten Schauspielerinnen des Landes war, schloss ich ihn ein wenig in mein Herz.
Nachdem ich den Arbeitsvertrag unterzeichnet hatte, bekam ich eine Schürze und wurde wieder in Chantals Obhut übergeben, die mir den restlichen Tag die Kunst des Kellnerns nahebrachte.
Gegen sechs Uhr abends verließ ich das Diner mit qualmenden Füssen. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass Kellnern so anstrengend sein würde. Es wäre alles viel leichter, wenn die Gäste nicht nur wüssten, was sie wollten, sondern dies auch klar äußern würden. Es bereitete mir einige Mühe, meinen Unmut darüber nicht zu zeigen. Trotzdem hatte ich eine erstaunliche Menge an Trinkgeld erhalten. Die Touristen waren spendabel.
Ich hatte mir ganz eindeutig etwas Wellness verdient, daher steuerte ich auf das Spa zu, das gegenüber meiner unheimlichen Herberge lag. Sicherlich war es nicht das Klügste, mein erstes hartverdientes Geld für so einen Luxus auszugeben, aber ich benötigte einfach ganz dringend etwas Schönes.
Kurze Zeit später eilte ich in einen kuscheligen Bademantel gehüllt zu dem Salzwasserpool. Er war oval und hatte rundherum Sitzbänke, so dass man im warmen Wasser sitzen konnte. Ich hatte Glück – er war menschenleer. Selig glitt ich in das warme Wasser, legte mich in die Tote-Mann-Stellung und ließ mich auf dem Rücken treiben. Schließlich sah mich ja niemand.
Meine Gedanken trieben dahin, bis sie bei Max strandeten. Ich hatte ihn heute beobachtet, wann immer ich eine Sekunde Zeit hatte. Es war faszinierend, mit was für einer Hingabe er die Speisen zubereitete. Er schien sehr glücklich mit dem zu sein, was er tat und ich beneidete ihn darum. Ich hatte keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Natürlich würde ich gerne den Traum von gestern Abend etwas weiter träumen und geheimnisvolle Fälle lösen, wie die verschwundenen Menschen im Hotel Salamour. Doch wie sollte ich das bewerkstelligen?
»Man darf die Stirn nicht so runzeln, sonst bleibt sie so.«
Erschrocken öffnete ich die Augen. Max stand am Pool. Sofort stellte ich mich hin und verschränkte meine Hände vor meinen Brüsten. Wie lange hat er schon da gestanden und mich angeschaut? Dann fiel mir auf, dass er natürlich auch nackt war. Verlegen schloss ich die Augen und senkte meinen Blick. Das durfte doch alles nicht wahr sein.
»Was machst du in meinem Lieblingspool?« In seiner Stimme hörte man deutlich, dass er sich darüber amüsierte, mich hier zu treffen. Er ging die Stufen hinunter und setzte sich in das heiße Wasser.
»Ich wusste nicht, dass du hierhin gehst, sonst wäre ich woanders hingegangen.« Ich setzte mich am weit entfernteste Ende des Pools hin.
»Jeden Abend, wenn ich arbeite. Das ist meine Pause zwischen den Schichten. Ab acht wird es wieder richtig voll im Laden.« Er strich sich die feuchten Haare aus dem Gesicht. »Wie war denn dein erster Tag?« Er schmunzelte. »Hat sich Chantal einen Fingernagel abgebrochen?«
Ich musste lachen. »Nein, aber sie hatte einen halben Nervenzusammenbruch, als ich ihr sagen musste, dass ich nicht weiß, wer Lucy Liu ist.«
Max zog eine Grimasse. »Chantal ist ein wenig gewöhnungsbedürftig. Aber sie hat das Herz am rechten Fleck.«
Trotz der Tatsache, dass wir uns nackt gegenüber saßen, entwickelte sich ein lockeres Gespräch über das Diner. Ich erfuhr, dass Max den Laden vor zwei Jahren von seinem Vater geerbt hatte und nur knapp über Wasser halten konnte, da die Miete gesalzen hoch war. Er überlegte, das Konzept zu ändern, denn die Touristen kamen nicht unbedingt nach London, um ein amerikanisches Restaurant zu besuchen.
Nach zwanzig Minuten verabschiedete er sich und ich starrte peinlich berührt auf meine Füße, als er sich erhob. Erstaunlicher Weise schien er keinerlei Problem mit seiner Nacktheit zu haben, er verhielt sich nicht anders, als hätte er Kleidung an.
Entspannt setze ich mich hin, legte die Arme auf die Brüstung des Pools, lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. Das Wasser blubberte sanft und ich ließ meine Gedanken treiben.
Ein Bild formte sich vor meinen Augen. Ein großes Gebäude mit vielen Fenstern, es kam mir seltsam bekannt vor, doch ich konnte es nicht zuordnen. Meine innere Kamera zoomte auf ein Fenster im linken Dachgeschoss. Das Bild änderte sich und wurde zu einer Zeichnung, wie sie Ingenieure verwenden – ein Schnitt des Zimmers war zu sehen. Ein schmaler Tisch stand recht nah an einem Bett, danach folgte eine Wand. Hinter dieser Wand befanden sich eigenartige Gebilde, sie sahen aus wie Käfige. Was wollte mir meine Phantasie da mitteilen?
Plötzlich änderte sich das Bild wieder, es erschien wie die Aufnahme einer Wärmebildkamera – die Umgebung war grün und blau, während in den Käfigen Umrisse von Menschen zu sehen waren. An deren Händen, Gesicht und Füßen war das Bild gelb und rot gefärbt, am Körper grün oder blau. Das war gruselig. Doch das Unheimlichste war die Figur, die sich davor befand. Sie war von Kopf bis Fuß rot und orange gefärbt, so als trüge sie keine Kleidung und schritt langsam vor den Käfigen hin und her.
Ich schüttelte den Kopf, um die Szene zu vertreiben, und öffnete missmutig die Augen. Wieso versaut mir meine Psyche diese schöne Entspannung? Hätte ich nicht von Einhörner in Regenbogenfarben träumen können, statt von Menschen in Käfigen? Nun, die Stimmung war dahin. Ich stieg aus dem Pool, schlüpfte in den Bademantel und machte mich auf den Weg zum Salamour. Sicherlich würde ich wieder eine Möglichkeit finden, dort zu übernachten. Als ich die Fassade des Hotels hochblickte, traf mich fast der Schlag. Es war das Haus, das ich in meinem Tagtraum gesehen hatte.
Sofort blickte ich zum Fenster ganz links oben in der Ecke. Tatsächlich war daneben noch eine Menge Platz. Konnte das wirklich wahr sein?
Ich zögerte nicht, sondern entstofflichte mich und begab mich ins Hotel. Schnell waren die fünf Etagen hinter mich gebracht und ich folgte dem Flur bis nach hinten. Doch dort gab es lediglich den Eingang zum Zimmer und keine weitere Tür. Ich musste mir also erst wieder eine Schlüsselkarte besorgen, bevor ich hier weiterkam.
Dieses Mal kam ich zu spät, um die Putzfrau beim Umziehen zu stören, sie hatte das Gebäude schon verlassen, wie mir der abgestellte Putzwagen verriet. Ich betrachtete das Vorhängeschloss an ihrem Schrank. Könnte ich es aufbrechen? Wie alle modernen Menschen fragte ich den Quell aller Weisheit: Google.
Erstaunt sah ich, dass es hunderte Anleitungen gab, wie man ein Schloss knackt. Ich betrachtete das Schloss, es schien ein einfaches, billiges Modell zu sein. Also wählte ich die Holzhammermethode – für die benötigte ich nur zwei Schraubenschlüssel. Dabei würde ich das Schloss zwar zerstören, aber die ungewöhnliche Situation rechtfertigte diese Maßnahme. Ich würde etwas Geld für ein neues Schloss dalassen.
Ich schwebte nach draußen, auf der Suche nach einem Hardware Store. Schon zwei Straßen weiter wurde ich fündig. Im hinteren Teil des Ladens verstofflichte ich mich. Schnell nahm ich zwei Schraubenschlüssel und ging zur Kasse, um zu bezahlen.
»Huch, ich hab Sie gar nicht reinkommen sehen.« Die Kassiererin hob erstaunt die Augenbrauen.
»Ich kann mich unsichtbar machen«, sagte ich und zwinkerte. Die Kassierin lachte herzlich und nahm mir fünf Pfund für die Werkzeuge ab.
Schnell besorgte ich mir noch einen Becher Tee. Nun war ich gewappnet, um die Magnetkarte zu klauen und zu überprüfen, ob es diesen Raum tatsächlich gab.

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