Kapitel 3

Nach dem ersten Schreck sammelte ich meine Erdnüsse wieder ein und bereute, dass ich den Artikel heute Morgen nicht gelesen hatte. Ich hatte nur Schlagzeile und Untertitel (»Schon vier Menschen spurlos aus dem Hotel verschwunden«) im Vorbeilaufen gelesen.
Das erklärte das Gespräch der Rezeptionisten. In einem Hotel, aus dem Leute verschwinden, will man nicht übernachten. Kein Wunder, dass sie keine Gäste hatten. Die Reaktion der Putzfrau konnte ich nun auch besser verstehen. Sie hatte gedacht, ich wäre die Person, die Menschen verschwinden ließ. Nun tat es mir doppelt leid, dass ich sie so erschreckt hatte.
Was sollte ich nun tun? Hierbleiben und hoffen, dass es mir nichts passiert, da sowieso niemand wusste, dass ich hier bin? Oder sollte ich lieber ein anderes Hotel suchen?
Es gab noch eine dritte Möglichkeit. Ich könnte hierbleiben und herausbekommen, warum Menschen verschwinden. Schließlich war ich eine Hochgeborene und wir haben uns dem Schutz der Menschheit verschrieben. Auch wenn meine entzückende Mutter neulich gesagt hatte, dass sie manchmal bezweifelte, dass ich wirklich dazu gehöre.
Alle anderen Hochgeborenen, die ich kannte, hatten spezielle Talente entwickelt. Ich war der einzig bekannte Fall, wo es bei den rudimentären Fähigkeiten geblieben ist. Natürlich sind die auch nicht zu verachten – ich konnte mich entstofflichen und mit dem Wind reisen, mit anderen Hochgeborenen mental kommunizieren, erholte mich schneller von Krankheiten und Verletzungen und hatte generell eine bessere Wahrnehmung als der Durchschnittsmensch. Aber im Gegensatz zu den anderen Hochgeborenen, die sich zu Windtänzern, Titanen oder Gedankenhörern weiterentwickelt hatten, sah ich ziemlich alt aus. Deshalb durfte ich auch nie bei einem Einsatz mitmachen oder eine Wache übernehmen. Mit anderen Worten: Ich fühlte mich recht nutzlos.
Der Gedanke an meine Mutter und die Gesellschaft in der sie sich bewegte, verärgerte mich und weckte meinen Trotz. Ich würde hierbleiben und das Rätsel der verschwundenen Menschen lösen. Je länger ich darüber nachdachte, umso wunderbarer schien mir diese Idee. Hier könnte ich mich tatsächlich nützlich machen und anderen helfen, ohne dass mir jemand im Nacken saß, weil ich nicht gut genug war. Ich sah schon die Schlagzeilen vor mir (»Londons geheime Superheldin hat wieder ein Wunder vollbracht«) und lächelte versonnen vor mich hin.
Auf dem Flur erklangen Schritte und hielten vor meiner Tür an. Londons geheime Superheldin zuckte vor Schreck zusammen und versteckte sich unter der Bettdecke.
Ich versuchte, mich zu beruhigen. Die Rezeptionistin hatte gesagt, dass drei Gäste im Hotel waren, das musste einer von ihnen sein. Und ich hatte mich bestimmt verhört. Die Schritte haben sicher am Nebenzimmer aufgehört. Ich lugte unter meiner Decke hervor, um besser lauschen zu können, doch das Geräusch war verstummt. Mein Blick streifte meine Teetasse und mir fiel ein, dass ich mich nicht unter einer Decke verstecken musste. Ich krabbelte aus dem Bett, nahm einen Schluck Tee und entstofflichte mich.
Keine Sekunde zu früh. Der Kartenleser an der Tür piepte und die Tür öffnete sich. Ein attraktiver Mann trat ein. Er war hochgewachsen, hatte dunkle Haare und trug einen Anzug in einem eigenwilligen Blauton. Fast aquamarin. Trippelnde Schritte erklangen auf dem Flur und strandeten ebenfalls in meiner Suite. Eine Frau in einem Kostüm der gleichen Farbe huschte ins Zimmer, schloss die Tür und schlang ihre Arme um den Hals des Mannes. Sie küssten sich.
Das waren ganz offensichtlich die Rezeptionistin und ihr Lieblingskollege. Peinlich berührt beobachtete ich, wie die beiden im Wohnbereich der Suite knutschten. Es ging schnell zur Sache. Der Mann knöpfte die Kostümjacke der Frau auf und warf sie auf die Chaiselongue. Der BH flog hinterher.
Ich schluckte. Was sollte ich jetzt tun? Hoffentlich wollten sie nicht das Bett benutzen, man konnte sehen, dass jemand darin gelegen hatte und meine Teetasse stand daneben.
Wie hypnotisiert starrte ich auf den blanken Rücken der Frau und die Hand des Mannes, die sich langsam ihre Wirbelsäule entlang schob, um in ihrem Rock zu verschwinden.
»Zieh dich aus«, forderte er sie mit heiserer Stimme aus. Wie in einem schlechten Film für Erwachsene warfen sie alle Klamotten von sich und liessen sich nackt auf dem Teppich nieder. Also eigentlich ließ sich nur die Frau auf den Teppich nieder, denn der Mann legte sich auf sie. Aber lassen wir das. Verlegen wandte ich mich ab, ich hatte für einen Tag genug wippende Körperteile gesehen.
Die beiden waren so abgelenkt, dass ich es sicher riskieren konnte, mich schnell zu entstofflichen, um Jeans und Schuhe anzuziehen. Ich schnappte mir die Schlüsselkarte der Putzfrau, öffnete das Fenster und entstofflichte mich wieder. Während ich die Suite auf dem Luftweg verließ, hörte ich, wie die Rezeptionistin stöhnte: »Ja, tiefer!«
Das war es also mit meiner luxuriösen Schlafgelegenheit. Weshalb müssen sie sich für ihr Schäferstündchen auch ausgerechnet meine Suite aussuchen?
Genervt begab ich mich erneut auf die Suche nach einer Unterkunft im Salamour. Dieses Mal nahm ich mir ein einfaches Zimmer im dritten Stock, es hatte ein Einzelbett, also war ich vor liebeshungrigen Angestellten sicher. Die Erschöpfung griff mit langen Fingern nach mir. Müde sank ich auf das schmale Bett und schlief ein.

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