Kapitel 2

Max ist die Kurzform von Maxwell oder Maximilian und bedeutete »der Größte.« Ich hatte eine Schwäche für Vornamen und deren Bedeutung. Max trug seinen Namen jedenfalls zu Recht, er war wirklich gut gebaut.
Dankbar an seinem Sandwich knabbernd – Schinken, Käse und Mayo – schlenderte ich durch die Carnaby Street und dachte über meinen eigenen Vornamen nach. Lucy war vom lateinischen Wort »Lux« für Licht abgeleitet und bedeutete »die Strahlende.«
Als mir meine Mutter diesen Namen verpasst hatte, war das sicherlich in der Hoffnung geschehen, ich würde eine Tochter werden, auf die sie stolz sein kann. Leider ist mir das nie gelungen, für sie war ich eine einzige Enttäuschung.
Vor einem Laden mit bunter Auslage blieb ich stehen und betrachtete amüsiert die Küchenutensilien, die dort ausgestellt waren. Ein farbenfrohes Schneidebrett, das wie die Palette eines Malers aussah, stand neben einem Korkenzieher in Form einer Katze und einer Käsereibe, die den Eiffelturm nachbildete. So etwas würde meiner Mutter nie in ihre geheiligte Küche kommen, sie war sehr traditionell.
Ihr Name hatte übrigens mehrere Bedeutungen: Tamara konnte Dattelpalme, Tänzerin, Sonnengöttin, Lotusblume, Seerose oder schlicht »das Leben« bedeuten.
Ähnlich wie bei ihrem Namen wusste man auch bei ihr selbst nie, woran genau man war. Meine Mutter konnte freundlich und furchteinflößend sein. Zuhause war sie eine große Nummer. Sowohl in ihrem geheimen als auch in ihrem offiziellen Leben. Bei uns hatte fast jeder zwei Leben – außer mir. Ich hatte keins.
Ich schüttelte ärgerlich den Kopf um die Gedanken an meine Mutter zu vertreiben. Es war wichtiger – und auch deutlich angenehmer – sich damit zu befassen, was ich jetzt tun würde. Für den Anfang würde ich in einem Hotel übernachten. Sicher würde es nicht schwierig sein, ein leeres Zimmer zu finden. Doch ich brauchte einen Job, wenn ich mir mein Essen nicht auf Dauer stehlen wollte. Dass ich mich nicht besonders für eine Karriere als Meisterdiebin eigne, hatte ich heute ja deutlich gesehen. Beim ersten Versuch war ich vor dem Alarm und beim zweiten Versuch vor dem süßen Koch geflüchtet. Mal wieder etwas, worin ich kein Talent hatte. Ich seufzte.
»Lucy!«
Ich zuckte zusammen und hätte beinahe mein Sandwich fallen lassen. Als ich mich umdrehte, stand Max schnaufend vor mir.
»Bekommst du keinen Ärger mit deinem Chef, wenn du einfach aus der Küche verschwindest?«, fragte ich.
Max rang nach Luft. Anscheinend war er hierher gerannt. »Nö. Bin selbst der Chef.«
Er war doch kaum älter als ich. Und da hatte er schon ein eigenes Restaurant? Ich versuchte, mich unbeeindruckt zu geben. »Aha. Und was willst du von mir?«
»Du hast mir ja quasi das Leben gerettet. Und du scheinst Probleme zu haben.«
Ich zog nur die Augenbrauen hoch und wartete, dass er weitersprach.
»Also ich wollte ich fragen, ob du einen Job brauchst.«
Unentschlossen biss ich mir auf die Lippe. Eben hatte ich noch gedacht, dass ich eine Arbeit brauchte, und schon kam sie in Form eines schnaufenden Kochs dahergelaufen. Ich befürchtete aber, dass er mir dieses Angebot nicht aus Dankbarkeit machte, sondern weil er mehr über mich herausfinden wollte. Schließlich war ich in einen verschlossenen Raum in einem verschlossenen Lokal aufgetaucht.
Max grinste. »An deiner Stelle würde ich lieber das Sandwich verspeisen, als die Lippe.«
Ich musste lachen. »Was wäre das denn für ein Job?«
»Der Kerl, den du K.O. geschlagen hast, war ein Stalker. Er hat meine letzte Kellnerin schon seit ein paar Wochen belästigt. Deshalb ist sie zurück zu ihrer Mutter nach Schottland gezogen.« Er zuckte mit den Schultern. »Nun fehlt mir eine Kellnerin.«
Das Angebot war verlockend und Max schien ein netter Kerl zu sein. Es gab nur zwei Probleme. »Ich hab noch nie gekellnert«, äußerte ich das erste.
Max winkte ab. »Kein Problem. Jeder hat mal angefangen, die anderen Mädchen bringen dir das bei.«
Ich nickte. »Außerdem darf meine Familie nicht erfahren, wo ich bin.«
Das brachte mir einen misstrauischen Blick ein. »Hast du was auf dem Kerbholz?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, nur großen Stress mit meiner Mutter.«
»Okay. Morgen elf Uhr im Diner?« Max hielt mir die Hand hin.
Ich gab mir einen Ruck und schüttelte seine Pranke, in der meine Hand fast völlig verschwand. »Ok, bis morgen.«
Gutgelaunt suchte ich einen Weg aus dem Getümmel der Einkaufsstraße. Ich musste mir einen Ort suchen, an dem ich mich entstofflichen konnte, ohne beobachtet zu werden. Ich hatte noch einiges zu tun.
Nach einer Weile fasste ich ein Fünf-Sterne-Hotel ins Auge. Vor dem Eingang stand ein Page in Livree mit säuerlicher Miene unter dem goldenen Schriftzug Salamour. Ich konnte mich dunkel erinnern, dass der Name des Hotels durch die Medien gegeistert war, doch mir war der Grund entfallen.
Neugierig schwebte ich an dem schlechtgelaunten Pagen vorbei in die Lobby – dort herrschte Prunk und gähnende Leere. Selbst hinter der Rezeption stand niemand, doch ich konnte eine leise Unterhaltung hören. Neben der marmornen Rezeption gab es eine Tür – vermutlich führte sie zu Verwaltungsräumen. Dort war die Quelle der Stimmen. Vorsichtig näherte ich mich.
»Wenn das so weitergeht, muss die Familie das Hotel bestimmt bald schließen. Wir haben heute nur drei Gäste.« Die Stimme kam von einer Frau und klang jung.
»Ich hatte gestern schon ein Vorstellungsgespräch im Four Seasons. Wenn ich Glück habe, kann ich nächsten Monat anfangen«, erklang die Stimme eines Mannes.
»Oh nein, du bist mein Lieblingskollege.« Die junge Frau war voller Bedauern.
In diesem Stil ging die Unterhaltung weiter, doch ich hatte in Erfahrung gebracht, was ich wissen wollte – hier gab es jede Menge leere Zimmer. Also verließ ich die betrübten Hotelangestellten und begab mich in die erste Etage.
Eine Reihe gleich aussehender Türen aus dunklem Mahagoni verkündete mit goldenen Lettern ihre Nummern. Welche sollte ich nehmen? Mein Blick fiel auf die letzte Tür. Kings Suite stand daran. Wenn ich schon auf der Flucht war, konnte ich es mir auch ruhig gut gehen lassen. Die Suite war sicher nicht gebucht, wenn es nur drei Gäste gab. Ich suchte nach einem Schlüsselloch und wurde herb enttäuscht. Es gab einen dezenten Kartenleser, der in das Mahagoni eingelassen war. Das war`s. Kein Spalt, durch den ich dringen konnte.
Ich wollte mich gerade wieder unverrichteter Dinge ins Erdgeschoss begeben, als sich eine der dunklen Zimmertüren öffnete und eine Putzfrau mit ihrem Wagen herauskam. Sie war nicht mehr die Jüngste. Tiefe Falten zogen sich durch ihr Gesicht und sie bewegte sich langsam. Ich folgte ihr. Sie zuckelte durch eine Seitentür im Treppenhaus in die Wirtschaftsräume des Hotels, stellte ihren Wagen dort ab und begab sich in einen Raum, der unschwer als Umkleide zu erkennen war. Seufzend knöpfte sie ihren Kittel auf und holte eine Karte aus dessen Tasche. Sie faltete ihre Arbeitskleidung zusammen und legte sie zusammen mit der Karte in einen Schrank. Genau darauf hatte ich gehofft. Als Putzfrau hatte sie sicherlich einen Generalschlüssel für die Zimmer.
Jetzt musste ich sie nur kurz ablenken. Also ging ich in den Flur, verstofflichte mich und warf ihren Wagen um. Es schepperte ordentlich. Flaschen mit Reinigungsmitteln kullerten durch die Gegend, Handtücher und Toilettenpapierrollen waren auf dem Boden verstreut. Die Putzfrau würde eine Weile brauchen, um das wieder aufzuräumen. Wie geplant, kam sie aus der Umkleide. Sie hatte die Augen weit aufgerissen und sah panisch aus. Als sie am umgestürzten Wagen ankam, schaute sie sich misstrauisch nach allen Seiten um und bekreuzigte sich. Sie zitterte.
Ich fühlte mich mies, dass ich sie so erschreckt hatte. Aber es war doch nur ein wenig Krach gewesen. Weshalb hat sie das so in Panik versetzt? Nach kurzem Zögern entschloss mich dann aber, mein Vorhaben durchzuziehen.
Schnell begab ich mich in die Umkleide und nahm die Karte. Morgen früh würde ich sie einfach vor den Schrank auf den Boden legen, so dass es aussah, als wäre sie runter gefallen. Ich wollte nicht, dass die Putzfrau Ärger bekam. Schlimm genug, dass ich sie so erschreckt hatte.
Die Suite war der Hammer. Der beige Teppichboden im Wohnbereich war so dick, dass ich bei jedem Schritt einsank. Im Bad gab es nicht nur eine Dusche und eine Badewanne, sondern auch einen Whirlpool. Den benutzte ich lieber nicht, das könnte jemand hören, aber eine kurze Dusche war sicher kein Problem. Ich schälte mich aus meinen Klamotten und stellte mich unter die warmen Wasserstrahlen.
Erfrischt machte ich es mir auf dem riesigen Bett im Schlafbereich bequem. Ich hatte mir ein paar Erdnüsse aus der Minibar genommen und einen Tee gemacht. Gerade, als ich mich so richtig wohlfühlte, fiel mir ein, in welchem Zusammenhang ich den Namen des Hotels gelesen hatte. Vor Schreck ließ ich die Erdnüsse fallen.
Ich erinnerte mich an die reißerische Schlagzeile in der Zeitung heute morgen:
Ist das Salamour ein Menschenfresserhotel?

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