Kapitel 1

Ich hätte nachdenken sollen, bevor ich abgehauen bin. Wenigstens ein wenig, so dass ich auf die Idee gekommen wäre, außer ein paar Klamotten auch noch etwas Geld mitzunehmen. Nun schwebte ich mittellos vor dem Kingly Court in der Carnaby Street und dachte darüber nach, das zweite Mal in meinem Leben eine Straftat zu begehen. Doch ich hatte Hunger und war erschöpft. Auf der Suche nach der richtigen Gelegenheit schwirrte ich bereits eine Weile umher. Mal wieder verfluchte ich meine fehlenden Fähigkeiten. Wäre ich ein Windtänzer, hätte ich mein Mittagessen einfach an mich reißen und mitnehmen können. Doch bisher hatten sich bei mir nur die rudimentären Kräfte gezeigt, ich schien die erste Hochgeborene ohne spezielles Talent zu sein.
Der erste Versuch, mich mit Nahrung zu versorgen, war gründlich schief gegangen. In der Annahme, dort könne nichts geschehen, war ich heute Morgen in einen Supermarkt eingedrungen, der noch geschlossen hatte. Bereits kurz nach meiner Ankunft stellte sich heraus, dass es dort Bewegungsmelder gab. Der Alarm war ohrenbetäubend. So musste ich wieder verschwinden, ohne meinen Hunger gestillt zu haben. Falls der Supermarkt Überwachungskameras hatte, mochte ich gar nicht dran denken, was sie auf den Aufnahmen sehen würden. Aber vielleicht machte ich mir zu viele Sorgen. Sicher hielten sie es für einen technischen Fehler. Bei dem Gedanken, was ich mir dafür zuhause hätte anhören müssen, verdrehte ich die Augen.
Wegen dieser schief gegangenen Aktion war ich nun hier und hoffte auf leichteres Diebesgut. Der Pizzageruch stieg mir in die Nase und quälte meinen Magen, der sofort anfing zu knurren. Sehnsüchtig blickte ich zur Pizzeria, aber der kleine Laden war überfüllt und eng, dort hatte ich keine Chance.
Also nahm ich die Restaurants im oberen Stockwerk ins Visier. Ein amerikanisches Diner war noch geschlossen. Durch das Fenster erkannte ich rot gepolsterte Bänke im Stil der sechziger Jahre. Vielleicht hatte ich hier Glück.
Die Küche war direkt hinter der Theke platziert und durch ein paar Schwingtüren zu betreten. Das bedeutete leider, dass man sie von außen leicht einsehen konnte. Falls das Personal auftauchte, würde man mich sofort sehen. Doch es gab sicher irgendwo einen Vorratsraum.
In der Küche angekommen, entdeckte ich die Tür sofort. Mein Hunger trieb mich weiter und ich schwebte durch das Schlüsselloch in die Kammer. Das war anstrengend, die Erschöpfung griff mit langen Fingern nach mir. Ich würde sterben für eine Tasse Tee.
Auf der anderen Seite angekommen, offenbarte sich mir eine unschöne Szene. Ich hatte den Koch gefunden. Er war riesig, bestimmt zwei Köpfe größer als ich und bestand aus Muskelbergen. Doch er konnte mit all seiner Kraft nichts gegen das Messer ausrichten, das an seine Kehle gepresst war.
»Sag mir, wo sie ist«, zischte der dünnere Mann, dessen eine Hand den Kopf des Kochs zurückzog und ihm mit der anderen Hand die Kehle durchzuschneiden drohte. Er war wie ein Kellner gekleidet.
»Nein«, entgegnete der Koch.
»Ich mach dich kalt.« Der Kellner verlieh seiner Aussache Nachdruck, in dem er die Spitze des Messers etwas tiefer drückte. Ein kleines, rotes Rinnsal bahnte sich seinen Weg vom Hals des Kochs zu seinem Shirt.
Ich musste irgendetwas unternehmen. Nur was? Der Angreifer stand mit dem Rücken zur Wand und hatte den Koch vor sich im Schwitzkasten. Mein Blick fiel auf das hohe Regal, das neben den beiden stand. Ganz oben stand eine Dose Öl in Gastronomiegröße. Ohne weiter zu überlegen, schwebte ich dorthin.
Ich verstofflichte mich und setzte mich hinter die Dose.
»Hey«, rief ich laut nach unten. Der Angreifer und der Koch schauten irritiert zu mir. Dann stieß ich die Öldöse hinunter. Der Koch war geistesgegenwärtig genug, den Messerarm von sich wegzustoßen. Das Geschoss landete direkt auf dem Kopf des Kellners. Seine Beine knickten ein und er rutschte an der Wand herunter, um sitzender Stellung innezuhalten. Dann glitt er in Zeitlupe nach rechts und wurde von der anderen Wand gestoppt. In dieser schiefen Lage verharrte er bewegungslos.
»Könntest du mir mal hier runter helfen?«, bat ich den Koch.
»Wie bist du hier reingekommen?«, fragte er stattdessen.
Ich wurde sauer. »Das ist doch jetzt egal. Ich hab dir gerade den Arsch gerettet, also hilf mir jetzt gefälligst.«
Mit gerunzelter Stirn streckte er die Arme aus, um mir beim Herunterklettern Halt zu geben.
Ich sah nach dem Kellner. Er lebte zum Glück noch, brauchte aber sicher medizinische Hilfe. »Kannst du einen Krankenwagen rufen?«, fragte ich den Koch, der mich noch immer anstarrte, als sei ich die heilige Madonna.
Er nickte und fingerte in seiner Hosentasche nach dem Telefon. Ich sollte seine Verwirrung ausnutzen und mich aus dem Staub machen.
Langsam machte ich zwei Schritte zur Tür. Jetzt, wo das Adrenalin sich wieder verflüchtigte, kam die Erschöpfung zurück und ließ mich wanken. Ich griff die Klinke und drückte sie hinunter. Die Tür öffnete sich nicht. Sie war abgeschlossen. Verdammt.
»Schlüssel?« Ich streckte dem Koch auffordernd die Hand entgegen.
»Er hat mir meinen Schlüssel abgenommen.«, sagte er und deutete auf den Bewusstlosen.
Bevor er die Frage stellen konnte, wie ich durch eine verriegelte Tür in den Raum gekommen war, ging ich neben dem Kellner in die Hocke und begann, nach dem Schlüssel suchen. Ich konnte ihn in der vorderen Tasche ertasten. Leider hatte ich keine Chance ranzukommen, solange der Kellner saß.
»Ähm, ich bräuchte hier mal Hilfe«, sagte ich und stand wieder auf. In diesem Moment wurde mir so schwindlig, dass ich nach hinten taumelte.
Der Koch fing mich mit starken Armen auf. »Hoppla.«
»Danke, es geht schon wieder.« Ich befreite mich aus seiner Umarmung und suchte nach einer Ausrede. »Ich bin unterzuckert.«
Mir fiel der eigentliche Grund meines Hierseins wieder ein und ich blickte mich um. Eine Packung Burgerbrötchen lag im Regal. Ich riss sie auf und stopfte mir eins in den Mund. Bäh. Trocken schmeckten sie nach nichts. Trotzdem würgte ich sie gierig herunter.
Der Koch hatte sich anscheinend von seiner Verwunderung erholt. »Ich bin dir dankbar, dass du mich gerettet hast, aber ich würde trotzdem gerne wissen, wie du hier reingekommen bist.«
Krampfhaft versuchte ich, den viel zu großen Brocken Brot herunterzuschlucken, den ich im Mund hatte.
»Das kann ich dir nicht sagen, tut mir leid.« Ich deutete auf den Kellner. »Doch ich muss hier weg, bitte hol die Schlüssel aus seiner Hosentasche.«
»Aber du kannst doch nicht einfach aus dem Nichts auftauchen und mich damit abspeisen«, sagte der Koch. Aus der Nähe betrachtet sah er attraktiv aus und schien nicht viel älter zu sein als ich.
»Ich bin so eine Art Schutzengel«, improvisierte ich. »Bitte verrat niemandem, dass ich hier war. Und lass mich jetzt gehen.«
Der Kellner stöhnte. Das brachte auch den Koch wieder in Bewegung. Flinker, als ich ihm zugetraut hätte, ging er neben dem Kellner in die Knie, zog an seinen Beinen, bis der Mann gerade auf dem Boden lag und holte den Schlüssel heraus. Nachdem wir den Raum verlassen hatten, schloss er wieder ab.
»Du solltest ihm besser trotzdem einen Arzt rufen«, sagte ich. »Und einen Polizisten.«
Er nickte und streckte mir die Hand hin. »Ich bin übrigens Max. Danke fürs Retten.«
Ich schüttelte die angebotene Hand. »Gern. Ich bin Lucy.«
Max griff in den Kühlschrank und holte ein Sandwich heraus. Routiniert schlug er es in Frischhaltefolie ein und drückte es mir in die Hand. »Das hab ich vorhin erst gemacht.«
»Dankeschön. Du hast nicht zufällig etwas Tee?«, fragte ich hoffnungsvoll.
Max zog eine Augenbraue hoch, verschwand aber hinter der Theke. Ein Zischen erklang und er kam mit einem Becher zurück, aus dem es herrlich duftete.
Ich bedankte mich und verließ das Diner, nachdem mir Max unter einem weiteren skeptischen Blick die Tür des Lokals aufgeschlossen hatte.

_________________________________________________________________

P.S: Am 02.03. erscheint mein Roman „Hochgeboren“. Hier kann man ihn bestellen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s